Islam konkret

                                                Diskussionsbeiträge und Anregungen

 
 


Kennt   der Islam "Gottesstaat", "Heiliger Krieg", "Islamismus", "Ungläubiger" usw.?


In deutschen Medien hört und liest man immer wieder vom „Gottesstaat“ oder „islamischen Gottesstaat“, manchmal vom „islamistischen Gottesstaat“ im Zusammenhang mit dem Islam. Man spricht vom „Heiligen Krieg“, „Ungläubigen“, „Islamisten“ .

Was haben diese Begriffe mit dem Islam zu tun? Warum verwendet man negativ besetzte Begriffe der christlichen Ver-gangenheit auf Muslime, die auf anderen Ideen fußen mit eigen-ständiger Entwicklung?

 Besonders schlimme Wörter der deutschen Sprache – so wie sie heute gebraucht werden – sind aus meiner Sicht Islamist, Islamismus, islamistisch - Neologismen, die vor gar nicht langer Zeit, vor 9/11, etwas ganz anderes bedeuteten. Selbst WORD 2010 kennt sie nicht und schlägt stattdessen „Islamit“ und „islamitisch“ vor. Zur Zeit der Revolution im Iran im Zusammen-hang mit Khomeini wurden die Wörter nie benutzt, weil sie noch niemandem in den westlichen Medien eingefallen waren und obwohl sie ja für sie in der damaligen Zeit DAS geeignete Objekt gewesen wäre.

Ich kenne den Islamisten noch als die Bezeichnung für einen nicht-muslimischen Fachmann für Islamistik, so wie  ja bis heute die Bezeichnungen Romanist, Germanist, Anglizist, Judaist, Altamerikanist usw. immer noch gebräuchlich sind.

Ich bin Deutscher seit meiner Geburt, hier in Deutschland auf-gewachsen, zur Schule gegangen, habe hier meine Ausbildung gemacht, gearbeitet. Mit 17 Jahren bin ich Muslim geworden und hielt mich für integriert in die deutsche Gesellschaft. Was ich aber jetzt mehrfach täglich bei mir erlebe, ist eine Art schritt-weiser Desintegration, gerade durch die oben genannten Begrif-fen, die in allen Nachrichtensendungen und Pressetexten täg-lich und ständig wiederholt werden, besonders ist es „Islamis-mus“, wo ja das Wort Islam bewusst benutzt wird, um den Islam zu diffamieren, als etwas Extremistisches, Gewaltbereites hinzu-stellen. Der Islam dagegen ist das, was als Lehre im Qur’ân und den authentischen Überlieferungen existiert, nicht mehr und nicht weniger – das ist der Islam, zu dem es keine Steigerung – welcher Art auch immer - geben kann.

Die 3 Ausdrücke Islamist, Islamismus, islamistisch sind  keine von Muslimen geprägten Begriffe, ebenso wenig haben sie irgendetwas – außer der Entlehnung der ersten Buchstaben - mit dem Islam zu tun.

Allah sagt im Qur’an im Vers (5:4) ganz klar: 

„...Heute habe Ich eure Glaubenslehre für euch vollendet und Meine Gnade an euch erfüllt und euch den Islam zum Bekenntnis erwählt. ...“

Allah lehrte uns den Islam, so wie er im Qur’an niedergelegt ist und wie Muhammad (S.) ihn vorlebte und übermittelte. Islamismus kennt der Qur’an nicht, ebenso wenig wie einen liberalen oder gemäßigten Islam, wie manche Muslime uns weismachen möchten.

Die zuvor genannten Wörter zählen erkennbar zum Wortschatz jener Nicht-Muslime, die sich entschlossen haben einen „Kampf der Kulturen“ zu führen. Sie beanspruchen als Erfinder dieser Wörter auch die Deutungshoheit, und sie maßen sich an, mit ihnen festzulegen, was ihrer Meinung nach „Islam“ zu sein hat. Mit anderen Worten: Nicht die Quellen des Islams noch die Sicht der Muslime sind für sie ausschlaggebend, sondern ihre eigenen fixen und in der Regel falschen Ideen.

Viele, alle Medien folgten ihnen darin, aber für jeden bedeuten sie etwas anderes. Für einige ist bereits jener Mensch ein Islamist, der konsequent den Islam in seinem persönlichen Leben und in seiner Gesellschaft umsetzen möchte (eigentlich: ein Muslim), für andere sind es Protestaktionen, Widerstand gegen westliche Vormachtsträume. Und wiederum andere verwenden in Ergänzung dazu Wörter wie „radikal“, „extremis-tisch“, "terroristisch" usw. um keine Zweifel aufkommen zu lassen, wie ihrer Meinung nach der Islam einzuschätzen ist.

Die 3 Ausdrücke Islamist, Islamismus, islamistisch werden wie Wörter mit wissenschaftlich gesicherter Bedeutung benutzt, mit bedeutungsvoller Miene vorgetragen als seien es eindeuti-ge  Begriffe. Die unterschiedlichsten politischen Gruppen ver-schwinden komplett hinter ihnen, obwohl das einzige Verbin-dende die Zugehörigkeit ihrer Mitglieder zu den Muslimen ist. Mit politischen Gruppen, die aus Christen bestehen, geht man dagegen sachbezogener um und stellt nicht in den Vordergrund, dass sie christlich sind, vielleicht einem „Christismus“ o.ä. ange-hören. Was wäre wohl, wenn man die USA, ihre politischen Vertreter, Truppen, ihre Verbündeten usw. plötzlich als „Christisten“, „Kreuzzügler“ oder ähnliches bezeichnen würde und zusammenfasste? Für mich – und viele andere Muslime – sind derart vorgetragene Nachrichten keine sachlichen Nach-richten, sondern der Versuch, den Islam zu diffamieren – ein deutliches Beispiel für den „Kampf der Kulturen“ in westlichen und durch westliche Medien. So verwundert es kaum, dass bei Umfragen die Islamfeindlichkeit zugenommen hat.

Ist es nicht angemessener, die politischen Gruppen zu benen-nen, z.B. Boko Haram in Nigeria, gegebenenfalls mit dem Hin-weis, sie sei muslimisch, gewaltbereit o.ä., statt zu behaupten sie sei islamistisch, mit anderen Worten: Sie habe irgendwie mit dem Islam zu tun? Ihre Mitglieder sind ja unbestreitbar Muslime, aber was sie vertreten, hat oft nichts mit der Lehre des Islams zu tun. Und sie hatte ihre eigene, innenpolitisch erklärbare Entwicklung bis zur Gewaltbereitschaft.                  

Inzwischen bin ich ein alter Mann, und was bei dieser täglichen Diffamierung des Islams durch die Medien in den Köpfen junger Muslime angerichtet wird, die ja noch auf der Suche nach einem eigenen Standort in der deutschen und europäischen Gesell-schaft sind, kann man sich lebhaft vorstellen, aber wer weiß es? Öffentlich spricht man von Integration, fordert sie von ihnen. Gleichzeitig ist davon in den Medien nichts zu spüren, im Gegenteil. Integration ist doch etwas, das auf beiden Seiten – auf Seiten derjenigen, die sich integrieren möchten und derjenigen, die es fordern, - wirklich gewollt und praktiziert wer-den muss. Man kann doch nicht einseitig von jemandem Inte-gration verlangen in dem Sinne, alles aufzugeben, was ihn von der Mehrheit unterscheidet, sondern nur dadurch, dass auch die Mehrheit bereit ist, den Ansatz der anderen zu akzeptieren und deren Religion nicht ständig mit solchen Ausdrücken zu diffa-mieren, in den Schmutz zu ziehen.

Obwohl ich Deutscher bin und gerne in Deutschland gelebt habe – trotz der schrecklichen dutzendjährigen Vergangenheit -, stelle ich bei mir jetzt ganz andere Reaktionen bei dieser Hass-überflutung fest. Was verbindet mich eigentlich mit einer Umge-bung, die nur mehr oder weniger untergründige Ablehnung für den Islam kennt, ohne Bemühen um Sachlichkeit und Objektivi-tät in der Sache und in der Sprache?

Als Muslime sollten wir uns mit allem Nachdruck gegen die genannten Begriffe wehren und den Anwendern klarmachen, welchen Unsinn sie in ihrer Überheblichkeit von sich geben.

Vor gar nicht so langer Zeit waren Bezeichnungen wie „Moham-medaner“, Mohammedanismus“, „Muselmane“ usw. noch gängi-ge Ausdrücke in den Medien, die jetzt so gut wie nicht mehr ver-wendet werden.

Ebenso ist das Konzept des Gottesstaates ein durch und durch christlich geprägter Begriff und geht auf Augustinus (354 – 430) zurück, auf sein Buch mit dem Titel ‚De Civitate Dei’ (Über den Gottesstaat).

Intelligente Medienvertreter verwenden diesen Begriff. Manch-mal sieht man ihnen den Stolz an, wenn sie ihn verwenden. Das geschieht nicht nur in Beiträgen, in denen der Islam diffamiert werden soll, sondern mit bedeutungsträchtiger Miene auch in anderen, als ob sie einen islamwissenschaftlich gesicherten Begriff benutzen würden. Wahrscheinlich haben sie noch nichts von Augustinus’ Buch gehört, bestimmt aber es nie gelesen. Sonst sollte man annehmen, dass sie dieses Wort vermeiden würden. Mit anderen Worten: Sie haben offenbar keine Ahnung von der eigenen Religion und ihrer Geschichte und von dem, was sie eigentlich sagen. Wenn sie das ohne böse Absicht tun, wissen sie dann wenigstens, warum sie es gebrauchen oder machen sie es aus purer Gedankenlosigkeit, weil andere es ja auch verwenden?

Dasselbe kann man vom „Heiligen Krieg“ sagen. Auch er ist ein Begriff der christlichen Geschichte und stammt meines Wissens aus der Zeit der Kreuzzüge. Im Islam ist kein Krieg „heilig“. Das arabische Wort, für das in den Medien oft der Begriff „Heiliger Krieg“ gebraucht wird, ist „Dschihâd“ und bedeutet  „Einsatz“, „Anstrengung“, um etwas zu erreichen, und ist im täglichen Leben eines Muslims das Bemühen, in Übereinstimmung mit den Geboten seiner Religion zu leben. Wenn aber andere angegriffen, unterdrückt oder ausgebeutet werden, sind jene, die dazu in der Lage sind, aufgerufen, ihnen beizustehen, das Unrecht zu beseitigen, gegebenenfalls auch, wenn sie keine andere Wahl haben, sich unter Einsatz ihres Lebens „anzu-strengen“, aber dennoch ist es nichts Heiliges.

Warum wird zur Beschreibung für Nicht-Muslime (auch von Muslimen) immer wieder das Wort „Ungläubiger“ angeführt? Es ist ein durch und durch christlich definierter Begriff der deut-schen Sprache und wird dem Bedeutungsumfang des arabi-schen Wortes nicht gerecht, der dem so Bezeichneten seinen Glauben nicht abspricht. Denn „Ungläubiger“ lässt ja anklingen, jemand sei ohne Glauben. Das arabische Wort spricht dem damit Bezeichneten nicht seinen Glauben ab. Man übersetzt es am besten mit Nicht-Muslim oder Andersgläubiger. Das arabi-sche Wort dafür ist „kâfir“. Die Bedeutung des Wortstammes ist „etwas bedecken, verdecken“, „undankbar sein“ und „leugnen“ im religiösen Sinne „die Wahrheit verdecken“, „Gott und Seiner Botschaft gegenüber undankbar sein“ oder sie leugnen.

Der auf 9/11 folgende Schock hat vieles geändert, und kritische, um Sachlichkeit und Objektivität bemühte Köpfe in den Medien, wo gibt es sie noch? Man folgt der Sprachregelung von jenseits des Atlantiks, verschwendet keinen Gedanken daran, was man da überhaupt tut und dadurch eventuell langfristig bewirkt. Emp-finden sie keine Verantwortung für ihren Anteil an den Integra-tionsbemühungen und den sozialen Frieden?

Abschließend folgt ein krasser, keinesfalls ernst gemeinter Vor-schlag, der vielleicht dabei helfen kann, die Augen für das zu öffnen, was tagtäglich die Medien den Muslimen zumuten: Wie wäre es, wenn sie alle Gruppen, Organisationen, Regierungen usw., deren Mitglieder Christen sind, stets als „Christisten“ oder besser noch als „Kreuzzügler“ (vereinzelt soll es Muslime geben, die das Wort benutzen) zusammenfassend benennen würden (jede Differenzierung, Objektivität und Sachlichkeit kann dann ja praktischerweise entfallen). Wie wäre es, wenn sie dann noch eine große deutsche Partei als „Kreuzzüglerpartei“ bezeichnen würden, nur weil sie ein „C“ in ihrem Namen auf-weist? Sinnvoll? Vergleichen Sie einmal mit diesem albernen Beispiel das, was mit Muslimen und muslimischen Gruppen in den Medien geschieht. Ist das etwas anderes?

Warum werden in der Regel nur Gruppen, die nicht westliche Anliegen vertreten, als „islamistisch“ bezeichnet? Die Taliban z. B. waren gute Muslime, solange sie mit massiver westlicher Unterstützung die Sowjetarmee aus Afghanistan vertreiben sollten (und letztlich vertrieben haben). Sobald sich danach zeigte, dass sie eigene Ziele verfolgten und nicht bloß westliche Marionetten waren, verwandelten die Medien sie mit einem Mal zu bösen Muslimen, Islamisten. Wusste niemand zuvor, wofür sie eintraten? Ist der "Westen" wirklich so einfältig?

Weiter gefragt: Wieso gelten US-Überfälle (unter wahrheits-widrigen Begründungen) mit zehn-, hunderttausenden Toten als gerechtfertigt, obwohl sie andere Länder mit beispiellosem Terror überzogen und immer noch überziehen, und Menschen per Drohnen ermorden, als gerechtfertigt? Zielten/zielen sie wirklich auf Demokratie, Menschenrechte, Freiheit ab?

Ein naheliegenderes Beispiel: Auf welchen „Menschenrechten“ beruhen EU-Gesetze, die dafür sorgen sollen, dass es der Gemeinschaft gut geht, aber die Zehntausende von im Mittel-meer Ertrunkenen zur Folge haben  - Zahlen von Toten wie in einem veritablen Krieg? Was zählen da die propagierte Globalisierung, die christlichen Werte?


Kennt der Qur’ân „Ungläubige“?

In vielen Aussagen, Berichten und Schilderungen in den Medien über den Islam werden immer wieder Nicht-Muslime als „Un-gläubige“ bezeichnet, und der Eindruck verfestigt sich, dass dies das Wort sei, das der Qur’ân für diese Menschen festlegt.
Um es von vorneherein klarzustellen: Der Qur’ân kennt keine Menschen, auf denen der Ausdruck „Ungläubige“ zutrifft, und er unterscheidet nicht nur nach „Gläubigen“ und „Ungläubigen“. Es ist zuallererst ein Übersetzungsproblem, den Bedeutungsum-fang arabischer Worte mit einem deutschen Wort annähernd korrekt wiederzugeben.
Islam wird als die Lehre angesehen, die Allah allen Propheten und Gesandten offenbarte. So heißt es z.B. in (3:67):
„Abraham war weder Jude noch Christ, sondern er war [arabisch: Hanîfan musliman] ein Hanîf und ein muslim, und er gehörte nicht zu den Götzendienern.“
Für Menschen, die sich zu einer Religion bekennen, verwendet der Qur’ân verschiedene Bezeichnungen. Hier die wichtigsten:
muslim (Plural: muslimûn)
Anhänger des Islam, jemand, der den Islam angenommen hat, d.h. das Bekenntnis, dass es nur den einen Gott gibt
mu’min (mu’minûn)
Glaubender, der Gläubige, jemand, der von der Wahrheit des Islam überzeugt ist
Hanîf (Hunafâ’)
Handwörterbuch des Islam, S.165
„...kommt im Kur’ân wiederholt als Bezeichnung derer vor, die die echte und reine Religion haben ...“
anSârî (anSâr)
Helfer, d.h. jene Menschen in der Stadt Yathrib (später: Medina), die Muslime geworden waren und den muhâjirûn aus Mekka Zuflucht und Schutz gaben
muhâjir (muhâjirûn)
Jene Muslime aus Mekka, die gezwungen waren, in Äthiopien oder Medina Zuflucht zu suchen
yahûdî (yahûd)
die Juden
naSrânî (nasârâ)
die Christen
majûsî (majûs)
Magier, Anhänger des Zoroaster/Zarathrusta
Sâbi’î (Sâbi’ûn)
Handwörterbuch des Islam, S. 620: „... Die Sâbi’er, von denen im Kur’ân die Rede ist, welche mit Juden und Christen an 3 Stellen zu den „Buchbesitzern“, d.h. Besitzern eines geoffenbarten Buches gerechnet werden, sind anscheinend die Mandäer, ... welche die Taufe durch Untertauchen vollzogen.“
ahlu`l-kitâb
„Buchleute“, „Buchbesitzer“, Angehörige einer Religion, die einem geoffenbarten Buch folgten wie die Juden, Christen, aber auch die Sâbi’er
banû isrâ’îl
die Kinder Israels
qaum lûT
das Volk Lots, bei denen Lot wirkte
qaum nûH
das Volk Noahs
muschrik (muschrikûn)
jene, die Allah etwas an die Seite stellen, Polytheisten, Götzen-diener
und schließlich
kâfir (kuffâr)
ein Wort, das oft (auch von Muslimen) mit „Ungläubiger“ wieder-gegeben wird
Der arabische Stamm, von dem das Wort abgeleitet ist, hat einen ganz anderen Hintergrund. Muhammad Ali schreibt in The Holy Qur’ân, S. 1032:
„kafara bedeutet wörtlich er bedeckte, er verbarg oder verhehlte etwas (LL). Der Nichtgläubige wird kâfir genannt, weil er das Wohlwollen und den Gnadenerweis verbarg, die ihm von Gott erwiesen wurden, den Gnadenerweis, der sich auf die höhere oder moralische Seite des Lebens (LL) bezieht.“
Mit anderen Worten: Von jemandem, der kâfir genannt wird, wird nicht behauptet, er sei ohne Glauben (= ungläubig) oder ohne religiöse Überzeugung, sondern lediglich, dass er das verhehlt, nicht akzeptieren will, was Gott ihm alles an Gutem, an Rechtleitung erweist.
Unter diesem Aspekt sollte man die Wörter „Unglaube“, „Ungläubiger“ besser vermeiden, sei man nun Muslim oder Nicht-Muslim.
Näher an der Grundbedeutung sind eher Bezeichnungen wie „Nicht-Muslim“ oder „Andersgläubiger“.