Islam konkret

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Al-Azhar und Homosexualität

Nachfolgend finden Sie die deutsche Übersetzung eines Artikel aus der ägyptischen Tageszeitung Al-Akhbar vom 7.6.2013, Sei-te 14, über ein Treffen der Mitglieder des "Rates für Islamische Forschungen" unter dem Vorsitz des Šayẖ al-Azhar Aḥmad At-Tayyib über eine Moschee für Homosexuelle in oder bei Paris.  Er zeigt die gegenwärtige Einstellung zu und die Sicht auf Homosexuelle von führenden Köpfen der Al-Azhar-Universität.


Übersetzung eines Artikels aus der ägyptischen Tageszeitung al-Akhbâr von Freitag, 07.06.2013, Seite 14


 (Wörter in Klammern dienen dem besseren Textverständnis bzw. sind die ergänzten Stellenangaben der Zitate aus dem Qur’ân):

 

"Nach der Propagierung einer Moschee für Anormale in Frankreich"

Die Gelehrten: Die Vertreter destruktiver Ideen sind gefährlicher für den Islam als seine Feinde. Ihr Gebet ist nichtig, ihre Strafe ist die Tötung wegen der Zuwiderhandlung gegen die natürliche Anlage und die Lehren der Religionen.

In der Öffentlichkeit zeigte sich kürzlich (wieder einmal) die Zahl jener Erscheinungsformen (von Meinungen), die gegen die ge-sunde menschliche Anlage und die allgemein anerkannten Sit-ten verstoßen. Über sie diskutierte neulich der Rat für Islami-sche Forschungen (مجمع البحوث الاسلامية) bei seinem Treffen unter dem Vorsitz von Dr. Ahmad at-Tayyib, Šayẖ al-Azhar, bei dem der Rat verwarf, wofür ein Franzose namens Muhammad Lou-devik Lutfî Zâhid, in Frankreich, eintrat bei dem Abschluss sei-ner Vermählung mit seinem gleichgeschlechtlichen Partner, und zwar mit seiner Aussage, dass der Qur’ân dies nicht verboten habe und dass die Durchführung im Einklang mit der islami-schen Šarî’a stehe. Der Rat versicherte, dass das, wofür jener eintrete, etwas sei, das gemäß religiösem Brauch nicht erlaubt sei, weil er leugne, was in der Religion zwangsläufig bekannt sei und dass er (also) ein Ketzer sei.

Der Rat versicherte, dass alle religiösen Gebote und himmli-schen Religionen die „gleichgeschlechtliche Partnerschaft/Ehe“ untersagen, sei sie zwischen zwei Männern oder zwei Frauen, (und zwar) mit absolutem Verbot, und dass das Gebet hinter irgendeinem von ihnen nichtig ist. Der Rat versicherte, dass das Gebet hinter diesem Mann (als Imam) nicht erlaubt sei, beson-ders nach seiner Verkündigung, dass er beabsichtige, eine Mo-schee für Homosexuelle zu errichten. Der Rat wies die übrigen Muslime in der Welt darauf hin, dass das, was diese Anormalen machen, nach religiösem Recht verboten sei; und es wider-spreche dem, was von der Religion zwangsläufig nach dem Text des Buches (dem Qur’ân) und der Sunna verboten ist, und dass es keine Eheschließung zwischen zwei gleichgeschlechtlichen (Menschen) gäbe, seien es nun zwei Männer oder zwei Frauen, und dass eine solche Verbindung zwischen zwei Homo-sexuellen in allen Religionen absolut verboten sei.

 

Krieg gegen den Islam

In Verbindung mit dieser Frage verdeutlichte Šayẖ 'Amr ad-Dîb, ehemaliger Bevollmächtigter von al-Azhar, dass das, was auf Grund der Beispiele dieser (Menschen) geschieht, nichts ande-res ist als ein (weiterer) Schlag des bestehenden Krieges gegen den Islam und die Muslime, und das Beispiel jener sei gefährli-cher für den Islam und die Muslime als deren Feinde, weil sie Feinde seien, die für sich die Zugehörigkeit zum Islam bean-spruchen und ihn von innen her bekämpfen, während der Islam frei von ihnen und ihren Taten sei.

Zusätzlich erkühnen sich jene gegen den Islam und den Ge-sandten des Islams dadurch, dass dieser Kâfir (= Nicht-Muslim) sich sogar gegen den Gesandten Allahs erhebe und sage, dass Muhammad, wäre er in unserer Zeit geboren worden, nicht die-ses schändliche Tun verbieten würde, das normale Menschen ablehnen gemäß dem Verbot in den übrigen Religionen.

Und er versichert: Der Islam hat die Strafe für jene härter ge-macht als für den Ehebrüchigen, weil das, was jener an Schändlichem mit einem anderen tut, die Todesstrafe zur Folge hat, während der Ehebrüchige, der bereits verheiratet war, nur gesteinigt wird, und von daher ist dieses Tun in der islamischen Religion absolut verboten, und die meisten anderen religiösen Gesetze verbieten und verurteilen solche Taten. Und Šayẖ ad-Dîb ruft zur Notwendigkeit auf, die Mensch zu warnen, beson-ders jene, die ihren Berichten und Informationen im Internet be-gegnen, sie gegen diese schlechten Gedanken zu immuni-sieren, damit sie nicht in die Fänge dieser Feinde fallen, die die Zerstörung des Islams von innen her wollen.

 

Der Untergang der Menschheit

Nachdrücklich hebt Dr. al-qaraḍâwî, Mitglied der Körperschaft der großen Gelehrten an der al-Azhar, hervor, dass das Leben auf zwei verschiedenen Partnern beruhe, nämlich dem Mann und der Frau, nicht auf zwei (Partnern) des gleichen Ge-schlechts, bei denen die Männer nicht die Frauen bräuchten und die Frauen nicht die Männer, was den Untergang der Menschheit bedeutete, und diejenigen Menschen, sich von ihrer natürlichen Anlage entfernten und sich mit der Gleichge-schlechtlichkeit zufrieden gäben, menschlich minderwertig seien.

Und er sagt: Die Urform hinsichtlich des Menschen ist, dass er solcherart gebildet ist, dass er dem anderen Geschlecht zuge-neigt ist, so ist der Mann der Frau zugeneigt und die Frau dem Mann zugeneigt, und der eine kann nicht ohne den anderen auskommen.

Und er ergänzt, dass Allah, groß und erhaben ist Er, den Men-schen aus einem Mann und einer Frau schuf: „O ihr Menschen,  Wir haben euch von einem Mann und einer Frau erschaffen“ (49:13), „o ihr Menschen, fürchtet euren Herrn, Der euch aus einem einzigen Wesen erschaffen hat, und aus ihm erschuf Er seinen Partner“ (4:1), und in einem anderen Vers „und aus ihm machte Er seinen Partner, damit es Frieden bei ihm finde“  (7:189).

Und das weise darauf hin, dass der (eigentliche) Ursprung die anlagebedingte Zuneigung zwischen den beiden Geschlechtern ist, und der Qur’ân erwähnt, dass das Dasein auf dem Ehestand beruht und nicht auf der Gleichgeschlechtlichkeit, und das Fun-dament des Ehestandes ist ein existentielles Fundament: „Gepriesen sei Der, Der alles in Paaren erschuf, was die Erde hervorbringt, und aus ihnen selbst (andere Menschen) und das, was sie noch nicht kennen“ (36:36), „und von einem jeden Ding schufen Wir Paare“  (51:49). Das weise darauf hin, dass der ed-le Qur’ân uns die Geschichte eines Ortes erzählt, der Schänd-lichkeiten verübte „und Wir retteten ihn (Lot) aus der Stadt, die Schändlichkeiten beging. Sie waren fürwahr ein böses Volk und Frevler“  (21:74), und sie war die Stadt von Lots Volk, zu denen ihr Prophet sagte: „Kommt ihr von allen Geschöpfen (wörtlich: Welten) zu den Männern und lasst unbeachtet, was euch euer Herr an euren Partnern erschaffen hat? Nein, ihr seid ein über-tretendes Volk“ (26:165, 166), und Er verwarf ihnen, dass sie die reine Frau beiseite ließen, die unser Herr ihnen erschuf, und Er machte sie (die Schändlichkeiten) bei der Befriedigung des Triebes mit dem Mann zur Unreinheit, und es wird deutlich, dass Allah das Volk Lots bestrafte und es von der Erde verschwinden ließ, indem er darauf hinwies, dass der Qur’ân erwähnt, dass darin zwei Strafen (liegen, nämlich) die Stadt (damit) zu treffen, und Er wendete das Oberste zuunterst und ließ auf sie nieder-regnen „Steine aus Ton Schicht auf Schicht, gekennzeichnet bei deinem Herrn“  (11:82, 83), jeder Stein kam für den, für den er vorgesehen war (wörtlich: seinen Gefährten), ihn zu treffen. Und die Steine (waren) für die Personen und den Ort (vorgesehen), und Er wendete das Oberste zuunterst. Und der Gelehrte (wört-lich: faDîlatu-hu) versicherte, dass das, was mit der Stadt, die Schändliches beging, geschah, ein Beispiel und eine Ermah-nung für die Menschen bis zum Tag der Auferstehung sein muss, wo die göttliche Drohung andauert gemäß dem Text Seines, erhaben ist Er, Wortes: „Und sie (die Stadt) ist nicht fern von den Frevlern“ (11:83).

 

Und Dr. al-qaraḍâwî erklärte: Die Strafe für denjenigen, der sexuell nicht normal ist, ist die Strafe für den Ehebrecher. Doch sind die Rechtsschulen über die Strafe unterschiedlicher Mei-nung, die einen bestrafen denjenigen, der die Unzucht der Homosexualität begeht, mit der Strafe für den Ehebrecher und differenzieren zwischen dem Verheirateten und dem Unverhei-rateten und der Verheirateten und der Unverheirateten, die an-deren sagen, für beide gilt ihre Strafe gleichermaßen, einige sagen, wir werfen sie von einer Erhöhung - einem erhöhten Ort – hinab, wie es unser Herr mit dem Volk Lots machte, und einige Rechtsgelehrte sagen, wir verbrennen sie. Es ist möglich, dass wir davon das auswählen, was in unserer Zeit nahelie-gender und leichter ist unter Berücksichtigung der Allgemeinheit (= allgemeines Vorkommen?) der Heimsuchung, weil die Allge-meinheit der Heimsuchung für den Betroffenen und sich Aufleh-nenden zu den Erleichterungen in der islamischer Gesetzge-bung gehört. Denn das Wichtige ist die Verurteilung dieses Tuns. Der Šayẖ Abdu’t-Tawâb Qutb, ehemaliger Bevollmächtig-ter der al-Azhar, sagte, dass diese Homosexuellen und Anor-malen Verbotenes von den größten verbotenen Taten, eine schwere von den schwersten Sünden begehen, und Allah ver-nichtete das Volk Lots auf Grund jenes abstoßenden Verbre-chens, indem sie zu den Männern zu kommen pflegten, nicht zu den Frauen. Und er erklärte, dass das Schweigen über dieses Verwerfliche nicht statthaft ist. Wenn es sich verbreitet, ist des-sen Änderung mit Gewalt, wenn möglich, notwendig, wenn das nicht möglich ist, mit dem Herzen. Das ist die schwächste (Form) des Glaubens; die Bedeutung von Änderung mit dem Herzen ist wenigstens, dass der Muslim nicht bei diesen Anor-malen sitzt und er sie nicht ermutigt und nicht mit ihnen isst usw.

 Diyyâ’ Abû’S-Safâ."


Eine Entgegnung an den Šayẖ al-Azhar Aḥmad At-Tayyib


Hier folgt die deutsche Übersetzung eines in Englisch abgefass-ten Briefes an den Šayẖ al-Azhar Aḥmad At-Tayyib als Antwort auf den Bericht mit einer ganz anderen möglichen Sicht auf das Thema:


فضيلة الشيخ الاكبر الدكتور احمد الطيب

و اخي العزيز

السلام عليكم و رحمة الله و بركاته!

Diesen Brief sende ich an Sie, weil Sie der Vorsitzende des Treffens der ehrbaren Männer des Rates für Islamische For-schungen (مجمع البحوث الاسلامية) waren gemäß dem nachfolgenden Artikel der ägyptischen Tageszeitung Al-Akhbar (الاخبار), Freitag,  7. Juni 2013, auf Seite 14.

Wenn Sie es für sinnvoll erachten, können Sie eine Kopie die-ses Briefes den anderen Mitgliedern des Rates für Islamische Forschungen geben; vielleicht wird einer von ihnen bereit sein, darauf zu antworten. Das kann er in arabischer Sprache ma-chen, doch sollte er in der Lage sein, meine englische Antwort zu lesen.

Dieser Brief ist auf Englisch abgefasst, da meine Kenntnisse der arabischen Sprache immer noch unzureichend sind. Ebenso ist mein Englisch alles andere als perfekt: Ich wurde vor mehr als 70 Jahren in Deutschland geboren und lernte diese Sprache in der Schule. Ich bin ein gläubiger Muslim, seit ich den Islam als meine Religion im Alter von 17 Jahren annahm.

Ich las den obigen Artikel mit größtem Interesse, weil ich vor vielen Jahren Untersuchungen zum Thema Homosexualität und dem Standpunkt des Islams dazu begonnen hatte, jedoch mit einem etwas anderen Ergebnis.

 

Mein Hintergrund: Ich wuchs in Deutschland auf und erhielt dort meine Ausbildung. Das beeinflusste folglich meine Haltung zur Religion. Mit einfachen Worten – es kann keinen Widerspruch geben zwischen dem Wort Allahs (= dem Qur’ân) und Seinen „Taten“, der Schöpfung. Das beeinflusste wiederum in großem Maße den Ausgangspunkt meiner Untersuchungen, d.h. nie-mals Fakten zu ignorieren, weder aus der Geschichte noch aus anderen Bereichen der Wissenschaft, die mein Thema berühr-ten, jederzeit mich um eine klare, logische und kritische Herangehensweise zu bemühen, um den Kontext zu verstehen. Das ist wohl der einzige annehmbare Weg, das Wort Allahs zu verstehen.

Einen großen Einfluss hatte auch mein Verständnis von dem, was Islam bedeutet: Islam ist das, was in seinen zwei Quellen enthalten ist, dem Text des Qur’âns (القرآن) als primäre Quelle, und den aḥâdîṯ  ṣaḥîḥa (الاحاديث الصحيحة) als sekundäre Quelle; denn nur ein ḥadîṯ ṣaḥîḥ (حديث صحيح) besitzt eine ḥuǧǧiyya (حجية), d.h. kann als Argument in religiösen Fragen verwendet werden, so wie es von Dr. ṣubḥiyyu`ṣ-ṣâliḥ, 'ulûmu`l-ḥadîṯi wa muṣṭalaḥu-hu, 1973, Seite 145 f., erläutert wurde

الدكتور صبحي الصالح,علوم الحديث و مصطلحه, ص. 145.

Es gibt einen klaren Unterschied zwischen dem Islam als Bot-schaft Gottes und Seines Propheten (Friede sei mit ihm) und dem, was Muslime daraus ableiteten oder ableiten.

Islam als die endgültige religiöse Botschaft wird sich im Laufe der Zeit niemals verändern. Somit kann es nicht – im strengen Wortsinne – so etwas wie eine islamische Geschichte, islamische Kunst, islamische Rechtsschulen (= maḏâhib) usw. geben, weil Geschichte, Kunst, Recht usw. das Resultat menschlicher Anstrengungen, menschlichen Denkens und Han-delns sind. Doch gibt es muslimische Geschichte, muslimische Kunst und muslimische Rechtsschulen usw., die man wohl bes-ser unter dem Begriff des Muslimtums zusammenfasst, d.h. etwas, das Muslime verstanden, entwickelten und taten auf der Grundlage dieser beiden Quellen und unter Einfluss von dem, was sie woanders fanden. Das kann sich entsprechend ihrem Verständnis davon ändern.

Da ich mich nicht auf alte, unbewiesene, geglaubte Annahmen und Erzählungen stützen wollte, ergaben sich für die Untersu-chungen folgende Schritte:

1.   Sammeln von historisch belegten Fakten über den Prophe-ten Lot und die Stadt, in der er lebte.

2.    Durcharbeiten von Literatur über Lot und seine Geschichte im Alten Testament der Bibel, ebenso Bezugnahmen auf ihn in den Evangelien des Neuen Testaments.

3.   Durchsehen von Büchern über aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen menschlicher Sexualität, insbesondere Homo-sexualität und ihre Verteilung in einer Population.

4.   Sammeln aller Überlieferungen (aḥâdîṯ, âṯâr (احاديث و آثار)) aus 23 Hadîth-Sammlungen, von den ältesten zugänglichen bis zu den “6 Büchern” von al-buẖârî, muslim, an-nasâ’î, abû dâwûd, at-tirmiḏî und ibn mâǧa (البخاري, مسلم, النساءي, ابو داود, الترمدي, ابن ماجة) – so weit ihr Inhalt - meiner Meinung nach – das Thema berührten oder sich mit den Propheten ibrâhîm and lûT (ابراهيم و لوط) befassten (es waren etwa 640 Überlieferungen).

5. Sammeln der Passagen über Lot and und sein Volk im Qur’ân.

6.  Was könnte eine angemessene Interpretation von Lots Tadel gegenüber seinem Volk sein?


Die Ergebnisse dieser Bemühungen – beschränkt auf die haupt-sächlichen Argumente in kurzen Worten:

1.   Es haben keine historischen Zeugnisse und Beweise über Lot und seine Stadt überlebt (außerhalb des Alten Testaments), d.h. nichts über das Leben und die Situation in der Stadt. Sogar die Lage der Stadt ist umstritten.

2.   Die älteste Bezugnahme auf Lot und seine Stadt ist im Alten Testament der Bibel zu finden. Im Neuen Testament spricht Jesus nur von der fehlenden Rücksichtnahme auf das Gastrecht dort (Matthäus 10, 11 - 15, Matthäus 11, 23 – 24, Lukas 10, 10 - 12).

Die Vorstellung, dass die Bevölkerung in Lots Stadt homo-sexuelle Wünsche an Lots Besucher richtete, erwies sich als eine sehr phantasievolle, aber falsche Interpretation eines einzi-gen Wortes in nur einem Vers im 1. Buch Mose (1 Mose 19, 5, = Gen. xix. 5, siehe Derrick Sherwin Bailey, Homosexuality and Western Christian Tradition, 1955, auf Seite 1 - 8). Bailey (1910 - 1984) war ein anglikanischer Theologe mit überzeugen-den und klaren Argumenten. Und er erwähnt auch, dass alle Bezug-nahmen auf Lots Stadt in den anderen Büchern des Alten Tes-taments nie von einem sexuellen Fehlverhalten der Menschen in Lots Stadt sprechen.

3.  Untersuchungen in wissenschaftlicher Literatur über menschliche Sexualität.


Es gibt weitgehend feste statistische Prozentsätze für unter-schiedliche Gruppen in einer Population, die jeweils zu denjeni-gen gehören, die als heterosexuell (die Mehrheit in einer Bevöl-kerung), homosexuell, bisexuell usw. bezeichnet werden.

Soweit man sagen kann, gab es diese Gruppen sexueller Varianz in allen (muslimischen und nicht-muslimischen) Kulturen und Zivilisationen, sie sind ein fester Teil der Schöpfung, ihre Bandbreite der Varianz ist Teil der allgemeinen menschlichen Natur (= fiṭra, فطرة), während die individuelle fiṭra eine Auswahl daraus ist (ich denke, dass man die Varianz menschlicher Sexualität in ihrer fiṭra mit der Varianz von Rechtshändern, Linkshändern oder Beidhändern vergleichen kann).

Menschen in all diesen Gruppen entdecken ihre sexuelle Dis-position – wenn sie aufwachsen – ziemlich früh, und ihre Dispo-sition ist nicht veränderbar (durch medizinische, psychologi-sche oder irgendeine andere Behandlung), sie erweist sich als ein fester Bestandteil ihrer individuellen Natur (fiṭra).

Historische Untersuchungen zeigen deutlich, dass es Homo-sexualität und homosexuelle Beziehungen schon lange vor Lot gab (Lots Lebenszeit – zwischen 2000 und 1500 vor Beginn der christlichen Zeitrechnung – wird von der geschätzten Lebenszeit Abrahams abgeleitet, und dessen Lebenszeit von Einzelheiten der Beschreibung im Alten Testament).

4.    Untersuchung der gesammelten aḥâdîṯ:

Ich benutzte hauptsächlich aḏ-ḏahabî, mîzânu`l-i'tidâl fî naqdi`r-riǧâl (الذهبي, ميزان الاعتدال في نقد الرجال) zur Beurteilung der Über-lieferer dieser Überlieferungen. Das Buch enthält nur einen Teil von ihnen, so dass eine vollständiges Urteil nicht möglich war. Jedenfalls haben alle Überlieferungen, die homosexuelle Hand-lungen verurteilen, in ihren isnâden (اسانيد) verdächtige Personen und sind daher keine aḥâdîṯ Saḥîḥa.


Das Ergebnis meiner Untersuchungen:

Die früheste Erwähnung, Homosexuelle zu töten, ist in dem Buch al-muwaṭṭa’ zu finden (Autor dieser Rezension ist yaḥyâ ibn yaḥyâ`l-layṯiyyu`l-andalusiyyu`l-masmûdî, gestorben 234 h., der 2 Generationen nach mâlik ibn anas, 93 – 179 h. lebte:

حدثني ‏ ‏مالك

‏ ‏أنه سأل ‏ ‏ابن شهاب

عن الذي يعمل عمل قوم ‏ ‏لوط

‏فقال ‏ ‏ابن شهاب

عليه الرجم ‏ ‏أحصن ‏ ‏أو لم يحصن

mâlik (مااك) fragte seinen Lehrer ibn šihâb ( ‏ابن شهاب), wie mit diesen Menschen umzugehen sei, und ibn šihâb antwortete, d.h. er sagte ihm seine Meinung. Mit anderen Worten: mâlik kannte keinen ḥadîṯ, und auch ibn šihâb kannte keinen, deshalb sagte er ihm seine persönliche Meinung.

Es gibt eine andere Rezension des al-muwaṭṭa’ (الموطأ), die ebenfalls vollständig überliefert sein soll, von muḥammad ibn al-ḥasanu´š-šaybânî (132 – 189 h.), dessen Lebenszeit sich mit der von mâlik um mehr als 45 Jahre überschnitt. Sie ist älter und daher wahrscheinlich verlässlicher als die andere, sie ist weniger umfangreich und enthält kein Wort über homosexuelle Beziehungen und deren Bestrafung.

Einen Übergang von Überlieferungen über die Bestrafung ho-mosexueller Handlungen findet man in  der Sammlung al-muṣannaf von 'abdu`r-razzâqi`ṣ-ṣan'ânî (126 – 211 h.) (مصنف عبد الرزاق الصنعاني) von sechs Erklärungen einiger fuqahâ’ (فقهاء) zu einer Überlieferung mit einem isnâd, der bis zum Propheten (صلي الله عليه و سلم) zurückgeht, ein isnâd mit einem unzuver-lässigen Überlieferer.

In den “6 Büchern” finden wir diese Art negativer Überlieferun-gen nicht bei al-buẖârî (die zuverlässigste Sammlung), noch bei muslim (der nächsten in Bezug auf Zuverlässigkeit), und auch nicht bei an-nasâ’î, ebenfalls ein kritischer Sammler.

Mit anderen Worten: Diese 3 Gelehrten kannten keine authen-tischen Überlieferungen, die homosexuelle Handlungen usw. untersagten.

 

(Falls jemand an einer Diskussion interessiert ist, bin ich dazu auch in allen Einzelheiten bereit, auch hinsichtlich positiver Überlieferungen.)

 

5.   Die Verse über Lot, der sein Volk im Qur’an tadelte:

Da es keine verlässlichen Quellen über Lot und sein Volk gibt, können wir uns nur an die Worte des Qur’ân halten: Es gibt 4 Passagen  (7:80, 81; 26:165, 166; 27:54, 55; 29:28, 29), die alle mit den Worten “wa lûṭan iḏ qâla li-qaumi-hi (و لوطا اذ قال لقومه)” eingeleitet werden, und es gibt Lots Worte, dass er ein “rasûl amîn” (رسول امين - 26: 162) ist – ein zuverlässiger Gesandter, d.h. der niemanden für etwas tadeln wird, das er nicht getan hat.

Die Bedeutung der Wörter in diesen Passagen waren zu unter-suchen, auch ihre Bedeutung in anderen Teilen des Qur’ân.

Wir sollten uns immer bewusst sein, dass Lot in jener Stadt als Fremder lebte, wie das Alte Testament sagt, d.h. er musste sich auf das Gastrecht berufen, um sich dort aufzuhalten, ein Recht, das eine Anzahl Einschränkungen beinhaltete. Auch der Qur’ân erwähnt – zum Beispiel – in (15:72), dass es ihm verboten war, Kontakte nach außerhalb der Stadt zu haben. Und in dieser besonderen Situation kamen Besucher von außerhalb zu Lot, und er bot ihnen das Gastrecht an – eine kritische Situation.

Lot tadelte sein Volk (القوم, al-qaum = alle Männer und Frauen jenes Volkes) mit den Worten “kommt ihr zu den Männern bei einer šahwa (شهوة) anstatt zu den/neben den Frauen”, d.h. er  wollte ihr Verhalten ins Gegenteil kehren. Er meinte nicht nur einen Teil des Volkes, weil er nicht sagte: “Ein Teil von euch kommt …” oder “einige von euch kommen …”.

Ob das Wort šahwa eine sexuelle Bedeutung hat, kann man sehr leicht durch Anwendung einfacher Logik prüfen. Sein Tadel richtet sich an al-qaum, die Männern und Frauen seines Volkes. Wenn es auf beide Teile anwendbar ist, kann es eine sexuelle Bedeutung haben, wenn nicht, sollten wir diese Bedeutung vermeiden. Angewendet auf die Frauen: Glaubt wirklich je-rmand, dass das beabsichtigte Ergebnis seines Tadels “kommt ihr zu den Männern bei einer šahwa  anstatt zu/neben den Frau-en” ist, dass Lot wollte, dass die Frauen lesbisch werden?

Auch die Anwendung auf die Männer macht keinen Sinn, wenn wir berücksichtigen, dass er sich selbst als “rasûl amîn” bezeichnet. In einem solchen Fall würde er der Mehrheit der Männer, den Heterosexuellen, vorwerfen, dass sie etwas tun, wozu sie niemals auf Grund ihrer sexuellen Disposition in der Lage wären.

In einem der qur’ânischen Texte sagt Lot auch (7:80, 81): “Wollt ihr eine Schändlichkeit begehen, wie sie keiner in der Welt vor euch je begangen hat?” Wir haben historische Beweise, Texte, über Menschen vor Lot, die homosexuelle Beziehungen mit einander hatten (Encyclopedia of Homosexuality, Stichwort “Egypt, Ancient”).

Mit anderen Worten: šahwa kann hier keine sexuelle Bedeutung haben (ebenso wie in allen anderen Versen  im Qur’ân).

6.   Was könnte eine angemessene Interpretation darüber sein, dass Lot sein Volk tadelt unter Berücksichtigung der zuvor ge-nannten Argumente und Worte des Qur’âns?

Ich bin kein Experte in der Auslegung des Qur’âns. Daher wer-de ich nur einige Hinweise auf Worte, Sätze usw. geben und auf Situationen, in der alles mit einander übereinstimmt.

·     Männer und Frauen kommen zu Männern bei einem Begeh-ren, nicht zu Frauen, das könnte – zum Beispiel – eine Gesell-schaft sein, in der alle Männer und Frauen eine untergeordnete Rolle, einen untergeordneten Status für die Frauen akzeptieren, die weder konsultiert werden noch Einfluss in wichtigen Angele-genheiten haben, denen eine ausreichende Menge an Rechten vorenthalten wird.

·     Dies könnte daher als eine Schändlichkeit beschrieben wer-den, die es vor ihnen noch in keiner Gesellschaft gab.

·   Lot bot seine Töchter dem Volk an (als Garanten oder Gei-seln für das Wohlverhalten) für seine Besucher. Aber das Volk (Männer und Frauen) wiesen sie zurück mit den Worten, dass sie keinen ḥaqq (حق= Recht, Anspruch) auf sie hätten (11: 79), sie sagen nicht: Kein sexuelles Begehren/Verlangen. Lot zeigte durch sein Angebot, dass Frauen den Männern gleichwertig sind, sogar in dieser speziellen Situation.

Einige Worte zu ein paar Argumenten in dem Artikel von Al-Akhbar:

Der ehrenwerte Scheich al-qaraḍawî zitiert Verse des Qur’âns, dass wir als Mann und Frau erschaffen wurden, dass die Er-schaffung in Paaren erfolgte, dass jeder von uns das Ergebnis einer Partnerschaft zwischen einem Mann und einer Frau ist usw. Das ist eine wahre Aussage. Er schließt daraus. dass ein Mann somit eine Frau als seinen Partner zur Fortpflanzung haben muss. Auch das ist eine wahre Aussage. Aber er erwähnt nicht, dass menschliche Partnerschaft nicht allein auf Fortpflan-zung beruht, da der Qur’ân anführt, dass nicht alle Personen fortpflanzungsfähig sind, weil einige von ihnen 'aqîm (عقيم, 42: 49, 50) - unfruchtbar - sind.

Er sagt, dass die Menschheit ausgelöscht werden würde wegen der Homosexuellen. Das war in der Geschichte niemals wahr und wird niemals wahr sein, weil sie eine sexuelle Minderheit sind. Ebenso hat die Minderheit der Menschen, die 'aqîm sind, nie die Existenz der Menschheit bedroht.

Seine Schlussfolgerungen sind nur teilweise wahr wie zum Bei-spiel auch seine Aussage, „dass der Mann der Frau zugeneigt ist und die Frau dem Manne”.  Das ist nur für die Mehrheit der Menschen wahr, aber für eine Minderheit ist es nicht wahr. Ist denn – Ihrer Meinung nach – eine teilweise wahre Aussage tatsächlich eine wahre Aussage ohne zu erwähnen, dass nur von der Mehrheit gesprochen wird?

In dem Artikel von Al-Akhbar heißt es, “dass alle religiösen Gesetze und himmlischen Religionen homosexuelle Partner-schaften/Ehen verbieten”. Bedeutet dieser Satz, dass die ehrenwerten Mitglieder des Rates (مجمع البحوث الاسلامية) keine genauere Informationen über die Kirchen und christlichen Grup-pen haben? Wenn sie lediglich in das Internet in die en-lische Version von Wikipedia blicken, werden sie christliche Gruppen und Kirchen finden, die homosexuelle Beziehungen und Part-nerschaften/Ehen akzeptieren (siehe unter “Christianity and homosexuality”).

Der ehrenwerte Scheich ''abdu`ṭ-ṭawâb qutb erklärt, dass die Homosexuellen verbotene Taten begehen, die zu den schwers-ten der schweren Sünden (al-kabâ’ir, الكباءر) gehören. Doch fand ich während meiner Untersuchungen keinen ḥadîṯ, der homo-sexuelles Verhalten zu den kabâ’ir zählte.

Es gibt im Qur’ân keine Strafe für homosexuelle Handlungen und ebenso nicht in authentischen Überlieferungen. Wir finden sie nur in anderen Texten und in den großen muslimischen Rechtsschulen (al-maḏâhib). Gegründet wurden diese maḏâhib von großen muslimischen Gelehrten, die nichtsdestoweniger auch fehlbare menschliche Wesen sind. Die maḏâhib sind keine ursprünglichen Quellen des Islams, sondern gehören zu dem, was ich als Muslimtum bezeichnen möchte – das Ergebnis der Bemühungen von Muslimen und muslimischen Gelehrten.

Insbesondere als Muslime sollten wir jederzeit versuchen, so ehrlich wie möglich in unseren Aussagen zu sein, logisch, ge-nau und wissenschaftlich auf dem aktuellen Stand. Das könnte auch dazu beitragen, die frühere führende Position von al-Azhar in der Welt wiederherzustellen. Die Tradition und das Erbe von al-Azhar beruht nicht nur auf den Ergebnissen der Bemühungen der alten Gelehrten, sondern ebenso auf dem Geist, den sie repräsentieren, d.h. wie sie all das Wissen und die Quellen, die ihnen zur Verfügung standen, nutzten, um angemessene Lösun-gen zu finden.

Die führenden Universitäten unserer Zeit in der Welt sind keine Institutionen, die sich an die Ergebnisse der Bemühungen der Gelehrten vergangener Jahrhunderte klammern, sondern jene, wo es möglich ist, die Wahrheit ihrer Aussagen und Schluss-folgerungen zu prüfen und sie mit den aktuellen Ergebnissen der Forschung zu vergleichen, neue Ideen, Erklärungen usw. zu entwickeln, die auf den neuesten Forschungsresultaten beru-hen. (Man stelle sich nur einmal vor, wie es sein würde, wenn zum Beispiel eine Universität sich nur an die Schlussfolgerun-gen von Kopernikus oder Keppler in der Astronomie halten wür-de und nicht neueste Forschungen berücksichtigte!).

Abschließend ein Vers aus dem Qur’ân, der nach meinem Ver-ständnis der arabischen Sprache und Grammatik insbesondere zeigt, dass alle menschlichen sexuellen Beziehungen als gleich-wertig anzusehen und zu behandeln sind.

(30: 21):  

ومن آياته ان خلق لكم من انفسكم ازواجا لتسكنوا اليها و جعل بينكم مودة و رحمة ان في ذلك لأيات لقوم يتفكرون

 „Und unter Seinen Zeichen ist dies, dass Er (männliche/ weibliche) Partner für euch (Männer/Frauen) schuf aus euch selber, auf dass ihr Frieden bei ihnen fändet, und Er hat Liebe und Zärtlichkeit zwischen euch gesetzt. Hierin sind wahrlich Zeichen für Leute, die nachdenken.”  

Man findet kein Wort, dass die Partner dem jeweils anderen Ge-schlecht angehören sollen, es gibt keine Beschränkung auf he-terosexuelle Personen, alle können Frieden bei ihren jeweiligen Partnern finden und Liebe und Zärtlichkeit mit einander.

Von daher können Allahs klare Worte und Sein Prophet (صلي الله  عليه و سلم) niemals der Grund für eine Verurteilung und Diffa-mierung dieses Teils der Menschen sein, die Er mit ihrer beson-deren fiTra schuf. Diese grundlegenden Fakten sollten uns ver-anlassen, ihnen allen unseren Respekt und brüderliche Zunei-gung zu erweisen, besonders, wenn sie sagen, dass sie Musli-me sind. Sie können unsere Freunde, Kinder, Brüder, Schwes-tern, Kollegen, Nachbarn usw. sein. Meine Erfahrung zeigt, dass sie wenigstens ebenso religiös wie die anderen sind, an Allah glauben und ihr Leben als gute und aufrichtige Muslime führen wollen (aber ebenso wie Sie können sie ihre sexuelle Dispo-sition nicht ändern, die Allah ihnen mitgegeben hat).

Ich bitte Allah um Vergebung für den Fall, dass ich irgendwelche Fehler in meinen Untersuchungen, Schlussfolgerungen und meiner Argumentation machte, obgleich ich mein bestes ver-suchte.

Meine Absicht war es, einen höflichen Brief zu schreiben. Bitte. verzeihen Sie mir, falls das nicht so ist.

Ihr Bruder im Islam,

Amin K. Waltter.

Meine E-Mail-Adresse:

klaus_waltter@yahoo.de

Dieser Brief wurde als Anhang an eine E-Mail am 29.12.2013 abgesandt an die beiden damaligen E-Mail-Adressen des Al-Azhar-Magazins mit der Bitte um Weiterleitung an den Shaykh al-Azhar Ahmad at-Tayyib:

editor@alazharmag.com

und

readers@alazharmag.com

         

Das Schreiben blieb bisher unbeantwortet.