Islam konkret

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Islam und Muslimtum


Plädoyer für eine eindeutige Sprache und eine Lehre auf wissenschaftlicher Basis


Der Titel mag verwundern, warum eine solche Unterscheidung? In Gesprächen mit anderen Muslimen passiert es bisweilen, dass wir eine Zeitlang diskutieren und plötzlich feststellen, dass wir - obwohl wir dieselben Wörter benutzen - über etwas ganz Unterschiedliches geredet haben. Wir verstanden unter den verwendeten Wörtern oft etwas anderes.

Während der Arbeit an meinem Buch „Islam und Homo-sexualität“ zeigte sich immer mehr, wie wichtig eine eindeutige Sprache ist und präzise Formulierungen sind. Es schälte sich dabei auch mehr und mehr die Notwendigkeit heraus, zwischen Islam und Muslimtum zu unterscheiden, und zwar klar und deutlich, um Zweideutiges oder Missver-ständliches zu ver-meiden. Und nur eine eindeutige Sprache ermöglicht eindeuti-ges, klares Denken und logische Schluss-folgerungen.

Die muslimische religiöse Literatur ist voll von Gedanken, Vorstellungen, Meinungen, die keine Basis im Qur’ân haben oder in dem, was der Prophet (S.) tatsächlich sagte. Muslimi-sche Gelehrte schimpfen auf Homosexuelle, diffamieren sie in schlimmster Weise, wenn ihnen die Argumente ausgehen, und zwar auf der Basis von Vorstellungen, die weder im Qur'ân noch in authentischen Hadîthen zu finden sind. Sie behaupten vom Islam zu reden, sprechen aber von traditionellen Ideen, deren Ursprung woanders zu suchen ist. Sie reden erkennbar nicht vom Islam, wie wir ihn in seinen Quellen finden, sondern von einem historischen Konstrukt, das andere Wurzeln hat, von Muslimen aber immer wieder vertreten wird. Das Wort “Mus-limtum“ bot sich ganz von alleine hierfür an.

Im allgemeinen machen sowohl Muslime als auch Nicht-Musli-me diesen Unterschied nicht. Wie oft lesen oder hören wir die Bezeichnungen wie islamische Geschichte, islamische Kunst, islamische Kultur, islamische Rechtsschulen, ebenso islami-schen Länder, islamische Gelehrte, islamische Geistliche, islamische Hochschulen, islamische Zeitung, islamische Bücher usw. usw. Man liest und hört von einem „liberalen Islam“, einem „gemäßigten Islam“, einem „konservativen Islam“,  neuerdings von Islamismus usw.. Der Qur’ân legt eindeutig fest, was z.B. Islam ist.

(5:3)

:الْيَوْمَ أَكْمَلْتُ لَكُمْ دِينَكُمْ وَأَتْمَمْتُ عَلَيْكُمْ نِعْمَتِي وَرَضِيتُ لَكُمُ الإِسْلاَمَ دِينًا

„[...] Heute habe Ich eure Glaubenslehre für euch vollendet und Meine Gnade an euch erfüllt und und euch den Islam zum Bekenntnis erwählt. [...]:“

(3:19):

إِنَّ الدِّينَ عِندَ اللّهِ الإِسْلاَمُ

„Wahrlich, die Religion vor Allah ist der Islam. ...“

(3:85)

ومن يبتغ غير الإسلام دينا فلن يقبل منه وهو في الآخرة من الخاسرين

„Und wer eine andere Glaubenslehre sucht als den Islam: nimmer soll sie von ihm angenommen werden, und im zukünftigen Leben soll er unter den Verlierenden sein.“

Gleich am Anfang des Qur’âns sagt Allah

(2:2 – 4)

:ذَلِكَ الْكِتَابُ لاَ رَيْبَ فِيهِ هُدًى لِّلْمُتَّقِينَ

„Dieses Buch, kein Zweifel ist darin, ist eine Richtschnur für die Rechtschaffenen.

الَّذِينَ يُؤْمِنُونَ بِالْغَيْبِ وَيُقِيمُونَ الصَّلاةَ وَمِمَّا رَزَقْنَاهُمْ يُنفِقُونَ

Die da glauben an das Ungesehene und das Gebet verrichten und spenden von dem, was Wir ihnen gegeben haben;

والَّذِينَ يُؤْمِنُونَ بِمَا أُنزِلَ إِلَيْكَ وَمَا أُنزِلَ مِن قَبْلِكَ وَبِالآخِرَةِ هُمْ يُوقِنُونَ

Und die glauben an das, was dir offenbart wurde und was vor dir offenbart wurde, und fest auf das bauen, was kommen wird.“


Allah betont in dem, was Er uns herabsandte, dass dieses Buch, der Qur’ân, alles enthält, was Er dem Propheten (.) offenbarte. Was wir darin finden, ist die von Ihm offenbarte Glaubenslehre, und Er nennt sie Islam, und Er sagt, dass Er sie vollendet, vollkommen gemacht hat. Sie ist dort schriftlich festgehalten und somit keinem weiteren Wandel mehr unter-worfen.

Der Islam ist die von Allah uns gegebene Glaubenslehre, wie wir sie im Qur’ân vorfinden und ebenso wie in der authentischen sunna, den unverfälschten Berichten über das, was der Prophet (S.) sagte oder tat.

Daraus kann man ableiten, dass alles andere nicht mehr im eigentlichen Sinne Islam ist. Wenn jemand den Geburtstag des Propheten (S.) feiert, so ist das eine Ergänzung zur vollkom-menen Lehre (und vielleicht sogar eine Form der Kritik an Allah, dass Er den Islam nicht in ihrem Sinne „vollkommen“ gemacht hat), wenn im privaten Bereich zamzam-Wasser in kleinen Gläsern ausgeschenkt wird, so ist das ebenfalls eine Ergänzung und hat mit der offenbarten Lehre nichts zu tun. Es sind Ergän-zungen von Muslimen, also Muslimtum. eine veränderte Glau-benslehre im Vergleich zum offenbarten Islam: „Nimmer soll sie von ihm angenommen werden“.

Der Islam als der von Allah formulierten Glaubenslehre ist fest-geschrieben im Qur'ân, keinem Wandel und keiner Geschichte unterworfen, keinem Zeitgeschmack, keiner Lehrmeinung. Wenn wir vom Islam reden, ist es nur das, was Allah im Qur’ân für die Menschen offenbart und vollendet hat.

Das von dem Wort „Islam“ abgeleitete Adjektiv ist „islamisch“ und bezieht sich unzweideutig auf das, was das Wort „Islam“ aussagt.

Hingegen sollte man alles, was durch menschliche Anstrengun-gen entstanden ist - durch den Einsatz von Muslimen, ihrem Denken, ihren Vorstellungen  - mit dem entsprechenden Adjek-tiv als muslimisch bezeichnen. Es enthält zwar auch die islamische Lehre, aber mit Ergänzungen, Umdeutungen.

  • Geschichte wird nur von Menschen - in unserem Fall - von Muslimen gemacht – muslimische Geschichte,

  • Kunst und Kultur wird nur von Menschen, d.h. von Muslimen ausgeformt und entwickelt – muslimische Kunst, muslimi-sche Kultur,

  • die Rechtsschulen gehen auf die Bemühungen muslimischer Gelehrter zurück - muslimische Rechtsschulen, und sie um-fassen mehr als das, was der Qur'ân uns vermittelt und die authentischen Hadîthe.

  • Länder werden von Menschen, d.h. von Muslimen bewohnt – muslimische Länder,

  • Hochschulen werden und wurden von Menschen, d.h. von Muslimen gegründet und geleitet – muslimische Hoch-schulen.

  • Über einen „liberalen Islam“, einen „gemäßigten Islam“, einen „konservativen Islam“, einen „radikalen Islam“ oder sogar „Islamismus“ lesen wir nichts im Qur’ân. Es handelt sich um Vorstellungen, die von Muslimen oder anderen ent-wickelt und vertreten wurden und werden und sind dement-sprechend nur mit dem Wort „Muslimtum“ einigermaßen ein-deutig zu beschreiben.

  • Menschen sind niemals der Islam, sondern können Muslime sein. So gibt es muslimische Gelehrte oder Imame, musli-mische Gemeinschaften.

  • Im eigentlichen Sinne gibt es keine islamischen Bücher, sie werden von Menschen verfasst, sondern es gibt nur Bücher über den Islam.

Islamismus“ ist zudem ein Neologismus, laut dem Du-den  eine „sprachliche Neuprägung (Neuwort oder Neubedeut-ung)“. In Wikipedia finden wir den Satz „Die vom Westen erfundene Differenzierung zwischen Islam und Islamismus ist politisch gewollt…“ 

Es ist eine Wortneubildung, die den Nicht-Muslimen dazu dient, willkürlich alles das damit zu bezeichnen, was ihnen am Islam missfällt, was nicht ihren Vorstellungen entspricht. Sie haben auf diese Weise die Deutungshoheit darüber. Früher gab es zwar schon Islamisten, nicht-muslimische Wissenschaftler, Spezialisten für Islamistik, so wie es damals wie heute Roma-nisten, Alt-Amerikanisten usw. gab und gibt. Der Ausdruck „Islamismus“ entstammt im wesentlichen aus der Zeit nach 9/11 und ist mehr oder weniger ein Kampfbegriff aus dem, was im Westen als „Kampf der Kulturen“ bezeichnet wird. Als die US-Administration den „Kampf gegen den Terrorismus“ verkün-dete, hat bezeichnenderweise der damalige Präsident George W. Bush in einer ersten Verlautbarung noch von einem crusade - einem Kreuzzug (der Christen gegen die Muslime) - gesprochen und damit die Zielrichtung dieses Kampfes über-deutlich klargemacht.

Und wenn wir genau hinsehen, stimmt das, was wir im Qur’ân als Islam kennenlernen und das, was von Gelehrten und ande-ren Muslimen vertreten wird, in vielen Fällen nicht mehr überein. Der Einfluss fremder Gedanken und Strömungen, die von den Muslimen übernommen, weiterentwickelt und in die religiöse Lehre eingebunden wurden, Niederschlag in einer Unzahl von erfundenen Ḥadîṯen fand, war im Laufe der Geschichte sehr groß.

Es gibt nur einen Islam, die einzig wahre Lehre und Offen-barung Allahs, größer und umfassender als es alle die zahllosen Muslimtümer zusammen sein können.

Unter den Muslimen hat sich zudem eine Art von Gelehrtenreli-gion entwickelt und verbreitet. Viele unserer Schwestern und Brüder blicken nicht mehr in den Qur’ân, um auf Fragen, die sie an ihre Religion haben, Antworten zu finden. Sie fragen etwa nach einer fatwâ. Sie lesen nicht die Verse, und denken über sie nach, üben nicht mehr tafakkur ( = Nachdenken). Sie fol-gen bloß noch Aussagen, Bekenntnissen anderer, oftmals mehr oder - oftmals auch - weniger gelehrter Leute, ohne sich den Wortlaut des Qur’âns anzusehen. So machen sie sie oft für sich zu Herren neben Allah, so wie es der Qur’ân über die Juden und Christen sagte.

(9:31, 32):

اتَّخَذُواْ أَحْبَارَهُمْ وَرُهْبَانَهُمْ أَرْبَابًا مِّن دُونِ اللّهِ وَالْمَسِيحَ ابْنَ مَرْيَمَ وَمَا أُمِرُواْ إِلاَّ لِيَعْبُدُواْ إِلَهًا وَاحِدًا لاَّ إِلَهَ إِلاَّ هُوَ سُبْحَانَهُ عَمَّا يُشْرِكُونَ

„Sie (die Juden und Christen) haben sich ihre Schriftgelehrten und Mönche zu Herren genommen neben Allah, und den Messias, den Sohn der Maria. Und doch war ihnen geboten, allein Einen Gott anzubeten. Es gibt keinen Gott außer Ihm. Gepriesen sei Er! (Erhaben ist Er) über das, was sie Ihm zur Seite stellen. 

يُرِيدُونَ أَن يُطْفِؤُواْ نُورَ اللّهِ بِأَفْوَاهِهِمْ وَيَأْبَى اللّهُ إِلاَّ أَن يُتِمَّ نُورَهُ وَلَوْ كَرِهَ الْكَافِرُونَ

„Sie möchten Allahs Licht auslöschen mit ihrem Munde; doch Allah will nichts anderes als Sein Licht vollkommen machen, mag es den Nicht-Muslimen auch zuwider sein.“


Sie folgen dem Beispiel der Anhänger anderer Religionen, in denen die religiösen Aussagen der Gelehrten sich vielfach von den eigenen Schriften gelöst haben und sie Lehren verkünden, die mit den eigenen Quellen nicht zu begründen sind.

Auf viele Muslime trifft inzwischen auch das zu, was Allah über andere im Qur’ân sagte:

(5:104) 

وَإِذَا قِيلَ لَهُمْ تَعَالَوْاْ إِلَى مَا أَنزَلَ اللّهُ وَإِلَى الرَّسُولِ قَالُواْ حَسْبُنَا مَا وَجَدْنَا عَلَيْهِ آبَاءنَا أَوَلَوْ كَانَ آبَاؤُهُمْ لاَ يَعْلَمُونَ شَيْئًا وَلاَ يَهْتَدُونَ

„Und wenn ihnen gesagt wird: ‚Kommt her zu dem, was Allah herabgesandt hat, und zu dem Gesandten’, sagen sie: ‚Uns genügt das, worin wir unsere Väter vorfanden.’ Und selbst wenn ihre Väter kein Wissen hatten und nicht auf dem rechten Weg waren!“.


Sie blicken bei der Frage über Homosexualität, ebenso auch bei vielen anderen Themen, nicht mehr auf das, was Allah darüber im Qur’ân tatsächlich sagt oder der Prophet (.) in strikt authen-tischen Ḥadîṯen, sondern wiederholen, was Gelehrte unter dem Einfluss z.B. der mawâlî (ehemaligen Juden und Christen) von sich gaben, die viele der Lehren und Interpretationen ihrer früheren Religionen mitbrachten und an die Muslime weiter-gaben, die es teilweise kritiklos übernahmen.

Islam ist nur das und kann nur das sein, was Allah uns im Qur’ân lehrt und was der Prophet Muhammad (.) gemäß den aḥâdîṯ ṣaḥîḥa (strikt authentischen Überlieferungen) sagte.

Blicken wir in den Qur’ân, so sehen wir, dass zu allen Zeiten Allah nur eine Religion den Menschen offenbarte, den Islam. So heißt es über Abraham in:

(3:67)

مَا كَانَ إِبْرَاهِيمُ يَهُودِيًّا وَلاَ نَصْرَانِيًّا وَلَكِن كَانَ حَنِيفًا مُّسْلِمًا وَمَا كَانَ مِنَ الْمُشْرِكِينَ

Abraham war weder Jude noch Christ; Doch er war immer Allah zugeneigt, Ihm gehorsam (Ḥanîfan musliman), und er war nicht einer der Götzendiener.


Mit anderen Worten: Abraham (wie alle anderen Gesandten) war Muslim, folgte dem Islam, den Allah ihm offenbarte.

Muslime verwenden oft für das, was wir im Qur'ân lesen, neue Begriffe wie z.B. das Wort „Wunder“. Das arabische Wort dafür, mu'ǧiza, kommt im Qur'ân nicht vor, wird von Allah bei keinem Anlass gebraucht. Wir finden das Wort auch nicht in den von der Ḥadîṯ-Konkordanz untersuchten Ḥadîṯ-Sammlungen. Und die Muslime verwenden es vielfach für alles, was sie im qur'ânischen Text nicht verstehen. Statt zuzugeben, dass sie für bestimmte Stellen auf Grund ihres Wissens oder unseres heu-tigen Wissenstandes keine Erklärung haben, bezeichnen sie sie als „Wunder“, verkleben sie sie wie mit einem Wund-Pflaster in der Einbildung, dass sei die richtige Deutung, tun so, als sei das die Erklärung. Bei einem Gespräch sagte ein junger Bruder ein-mal: „Aber der Qur'an ist doch das größte Wunder“, statt den Qur'ân mit Worten zu beschreiben, wie wir sie für ihn im Qur'ân selbst finden.

Wenn wir etwas nicht verstehen oder deuten können, so sollten wir es sagen, und nicht so tun, als sei die Bezeichnung „Wun-der“ irgendeine Erklärung für Worte des Qur'ans.


Eine unverantwortliche Vorgehensweise ist es auch, nicht verifi-zierte, nicht verifizierbare Aussagen als Basis für Qur'ân-Inter-pretationen zu nutzen. Im Falle des Themas Homosexualität ist es der Sodom-Mythos der Kirchenväter, der in das muslimische Denken von den mawâlî, konvertierten früheren Christen und Juden, eingeführt wurde. Eine aus kontextuellen und linguis-tischen Gründen nicht haltbare Interpretation von einem einzi-gen Wort in nur einem Vers in einem der Moses-Bücher des Alten Testaments für das angeblich homosexuelle Verhalten der Bewohner der Stadt, bei denen Lot lebte. Es gibt keinen einzigen historischen Beleg dafür, keinen einzigen. Wie kann man dies zur Basis für eine Qur'ân-Interpretation machen, zumal der Sodom-Mythos in Einzelheiten den Worten des Qur'ân widerspricht, ihm willkürlich übergestülpt wurde?


Andere unseriöse Ansätze, auf die in Diskussionen mit Musli-men immer wieder Bezug genommen wurden, sind Schönfär-bereien, Whitewashing, Scharlatanerie oder einfach nur Un-wissenheit.

Die Anzahl der falschen Überlieferungen ist weitaus größer als die Anzahl authentischer Ḥadîṯe. Manche Muslime zitieren bei allen möglichen Gelegenheiten Ḥadîṯe, über deren Authentizität und Herkunft sie sich nicht im geringsten im Klaren sind. Wichtig ist ihnen nur, sie vorzutragen, obwohl es Erfindungen, Fälschun-gen sein können. Das ist Irreführung und Verbreitung von Lügen über den Propheten ().


Ḥadîṯe wurden und werden von manchen Gelehrten für authen-tisch erklärt, obwohl die Sammler selbst (in einem Fall at-tirmiḏî) das offenbar bewusst nicht taten. Das ist verantwortungslos, nicht nur leichtsinnig, sondern bewusste Irreführung.


Warum wenden diese Leute nicht die von Muslimen entwickelte eingehende Ḥadîṯ-Bewertung und -Kritik an?


Bevor Sie einem Gelehrten (oder jemandem, den Sie als Ihren Lehrer akzeptieren möchten) vertrauen wollen, stellen Sie zuvor fest, prüfen jedoch auch bei seinen Äußerungen kritisch:

  • dass er sich an den Wortlaut des Qur'âns hält, ohne Umdeu-tungen, dass er ihn analysieren kann

  • dass er bei seinen Recherchen nur authentische Ḥadîṯe ver-wendet und gegebenenfalls auf ihren Zustand hinweist,

  • dass er, wenn er andere Quellen zitiert, deren Quellen zuvor prüft

  • dass er nicht ungeprüft andere Gelehrtenmeinungen zitiert

  • dass er sich bei seinen Argumenten nur an (naturwissen-schaftliche, historische usw.) Fakten hält, erfundene Ge-schichten, Fabeln, Legenden, Märchen, Mythen beiseite lässt

  • dass er sich nicht mit Allgemeinplätzen aufhält wie: „Wie unsere Gelehrten sagen“ u.ä.

Einem Gelehrten unbesehen zu vertrauen, obwohl wir ihn nicht kennen, nichts von ihm wissen, sollten wir vermeiden, wenn wir nicht überblicken können, aus welchem Milieu er stammt und welchen Bildungsweg er durchlaufen hat.  Wir sollten das, was er sagt, kritisch hinterfragen. Und wir dürfen niemals unsere Fähigkeit, selbst und kritisch nachzudenken, vernachlässigen. Der Qur'ân fordert uns immer wieder zum tafakkur (= Nach-denken)  an vielen Stellen auf.


Zwei Beispiele von „Gelehrten“, die sich nicht an wissenschaft-liche Grundsätze und Regeln halten, aber von vielen Muslimen hochgeschätzt werden, sind al-qarâḍâwî und nâṣiru`d-dîn al-albânî. beides zeitgenössische, von einigen Muslimen sogar als „Großgelehrte“ bezeichnete Männer:


al-qarâḍâwî - ein konservativer Theologe. Es gibt zu ihm einen Beitrag in Facebook von Ismail Mohr über einen seiner Texte zu Homosexualität, der von Ahmad von Denffer (unvollständig) ins Deutsche übersetzt wurde. Ein anderes Beispiel finden Sie in einer der Dateien in der Facebook-Gruppe „Islam und Homo-sexualität“ in Verbindung mit dem Bericht einer ägyptischen Tageszeitung aus 2013 über ein Treffen des maǧma'u`l-buḥûṯi`il-islâmiyya (= Rat für islamische Forschungen) unter Vor-sitz des gegenwärtigen Šayẖu`l-Azhar. Darin wird deutlich, dass er alle Wissenschaftlichkeit beiseite lässt und alles sog. „Ḥadîṯ“-Material unbesehen als wahre Äußerungen des Prophe-ten () gelten lässt, so wenig authentisch es auch ist. Warum man ihn als Gelehrten bezeichnet bei seinem grundsätzlichen Verzicht auf wissenschaftliche Gründlichkeit und Sorgfalt, ist nicht nachzuvollziehen.

nâṣiru`d-dîn al-albânî - ein Ḥadîṯ-Wissenschaftler, der in seinen im Internet veröffentlichen Büchern an einer Stelle über einen bestimmten Überlieferer in einem isnâd eines Ḥadîṯs, schreibt, dass dieser Ḥadîṯ nicht ṣaḥîḥ sei, weil dieser eine Überlieferer ein mudallis sei, ein isnâd-Fälscher. An anderer Stelle, bei einem anderen Ḥadîṯ,mit demselben Überlieferer erklärte er diesen Ḥadîṯ jedoch für  ṣaḥîḥ, weil dieser Mann nur wenig tadlîs (Ḥadîṯ-Fäschung) betrieben habe. Die arabischen Zitate mit Übersetzung finden Sie in einem meiner Bücher „Islam und Homosexualität“.


Ḥadîṯ-Jongleuren“, die die umma als Spielwiese betrachten für ihr verantwortungsloses Verhalten, kann jeder die Basis ent-ziehen, wenn er nur ausreichend kritisch ihre Vorgehensweise hinterfragt. Was wir brauchen, sind verantwortungsvolle, kriti-sche Wissenschaftler, nicht Pseudowissenschaftler, Leute die herkömmliche Meinungen nicht unbesehen übernehmen, son-dern prüfen, untersuchen.


Vorsicht vor Leuten, die zwar von vielen geschätzt werden, aber alles andere als Gelehrte sind. Vorsicht auch vor einer fatwâ, die ja von einem Gelehrten stammen sollte. Prüfen und analy-sieren sie den Text, die Argumente und holen Sie Informationen über den Autoren ein. Folgen sie der Gelehrtenmeinung nicht, weil sie den Namen fatwâ trägt.


Ein paar Beispiele von der Leichtfertigkeit und Verantwortungs-losigkeit mit der selbst in religiösen Gruppen vorgegangen wird. Ich erlebte, dass ein arabischer Spruch als Ḥadîṯ bezeichnet und ausdrücklich auf den Propheten () zurückgeführt wurde, obwohl er es nicht war. Es wurden Ḥadîṯe zitiert und fälschlich als ṣaḥîḥ erklärt. Es wurden Sätze geäußert wie „der Mensch stammt vom Affen ab“, ein kurzer Blick ins Internet hätte ver-deutlicht, dass Menschen und Affen nach heutigem Wissens-stand dieselben Vorfahren haben. Wir sollten immer bei den Fakten bleiben, zu recherchieren lernen und nicht, weil es gerade in unsere Argumentationsweise passt, auf Falschaus-agen setzen.


Mit Unwahrheiten, Halbwahrheiten kann man kaum eine starke Gruppe überzeugter Muslime heranbilden. Nur schöne Worte sind nicht ausreichend.


Bisher bin ich überzeugt, dass meine Argumente in der in meinen Büchern behandelten Frage von Homosexualität stärker sind als die traditionellen Argumente. Diese Position werde ich gegenüber allen und öffentlich vertreten, bis mir jemand das Gegenteil nachweist. Und mein fester Eindruck ist, dass diejeni-gen, die über das Buch informiert wurden um die Schwach-punkte ihrer eigenen Argumentation wissen. Denn seit der Veröffentlichung gab es von deren Seite überwiegend tiefes Schweigen, vielleicht angesichts eines Grundgesetzes, das sexuelle Minderheiten schützt, vielleicht aus Gründen, die ich noch nicht kenne. Und es wurden etwa 60 Moscheegemeinden und muslimische Gruppen per E-Mail informiert. Lieber duckt man sich weg, statt einmal mehr nachzudenken, wie der Qur'ân es mit seiner häufigen Aufforderung nach تفكر (Nachdenken) immer wieder fordert.