Islam konkret

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Bedeutet Islam, an Wunder zu glauben?


Der folgende Text war das Ergebnis eines Gesprächs Anfang der 1960-er Jahre mit Muhammad Qutb (Bruder von Sayyid Qutb, der damals schon im Gefängnis saß) in Kairo. Er schrieb darüber ca. eine halbe Seite in seinem Buch „at-ṭaṭawwurât wa`ṯ-ṯibât fî`l-ḥayâti`l-bašariyya° und drückte sein Erstaunen aus, dass ein junger Muslim aus Deutschland sich Wunder (im arabischen Text verwendete er „mu’ǧiza“ bzw. „mu’ǧizât“) nicht vorstellen könne. Damals war ich erst seit wenigen Jahren Muslim und überzeugt, dass alles Vorhandene nur aus einer Quelle stamme, nämlich Allah, und es daher. keine Widersprü-che zwischen Seiner Offenbarung und den Naturwissenschaf-ten geben könne. (in meiner Schul- und Konfirmandenzeit klaffte im Unterricht beides auseinander). Jahrzehnte später stieß ich wieder auf das Buch.

 

Wenn wir den Text des Qur’âns lesen und verstehen wollen, ist es dann nicht selbstverständlich, ihn zunächst mit den in ihm vorkommenden Begrifflichkeiten zu verstehen?

 

Doch überraschend ist, wie schnell Muslime auf Wörter zurück-greifen, die nicht darin vorhanden sind.

 

Was Wunder betrifft, so wird dieses Wort (im Arabischen: mu'ǧiza) im Qur’ân nicht verwendet, auch in der Ḥadîṯ-Literatur taucht es nicht auf, jedenfalls ist es nicht in dem mehrbändigen „Concordances et Indices de la Tradition Musulmane“ zu finden, in dem die 6 Bücher von al-buẖârî, muslim, an-nasâ’î, at-tirmiḏî, abû dâwûd und ibn mâǧa untersucht werden sowie der muwaṭṭa’ von mâlik in anas, der musnad von ad-dârimî und von aḥmad ibn Ḥanbal. A. J. Wensinck führt in seinem Buch „A Handbook of Early Muhammadan Tradition“ das englische Wort “miracle” nicht auf; zusätzlich hat er die Sammlungen bzw. Teile davon von zaiyd ibn 'alî, aṭ-ṭayâlisî, ibn sa'd, ibn hišâm und al-wâqidî angesehen.

 

Wozu soll ein Wunder gut sein, wenn der Qur’ân es nicht kennt und die Überlieferungsliteratur auch nicht? Was bringt uns ein Begriff, den niemand wirklich erklären kann und der offensicht-lich wie ein Wundpflaster auf Erzählungen geklebt wird, die wir nicht verstehen, noch nicht verstehen, vielleicht weil wir nicht gründlich genug nachgedacht haben, wir nicht weiter nachden-ken wollen oder wir uns nicht von fixen Vorstellungen befreien wollen? Ist es nicht besser zu sagen: Dafür habe ich keine Erklärung, diese Stelle verstehe ich (noch) nicht, und weiter nach einer Antwort zu suchen, anstatt mit dem Begriff Wunder zu hantieren, als ob der mehr zum Verständnis beitragen kann?

 

Ein Argument ist bisweilen: „Gott ist allmächtig, Er kann alles, also hat Er dieses oder jenes Wunder veranlasst“. Können wir beweisen, dass es wirklich geschah? Sicherlich ist Allah all-mächtig, aber vollbringt Er oder vollbrachte Er tatsächlich das, was manche als Wunder bezeichnen entgegen den Regeln und Gesetzmäßigkeiten, die Er geschaffen hat und sonst einhält? Welche Beweise haben sie für ihre Behauptung? Gibt es nicht den Vers (35:43) „[...] und in Allahs Vorgehensweise (sunnatu`llâh) wirst du nie eine Änderung finden; und in Allahs Vorgehensweise wirst du nie einen Wechsel finden“?

 

Ein anderes Argument ist bisweilen: „Aber der Qur’ân ist doch das größte Wunder!“ Woher stammt diese Aussage eigentlich, die wir nicht im Qur’ân selbst und auch nicht in der Hadîṯ-Litera-tur finden? Warum bestehen Muslime darauf, den Qur’ân mit einem Begriff zu verbinden, den er nicht selbst enthält? Ist es nicht angemessener, ihn mit Worten zu bezeichnen, die in ihm selbst vorkommen?

 

Wunder ist offensichtlich ein Begriff, den die Muslime von Ange-hörigen anderer Religionsgemeinschaften einfach übernom-men haben, und beeindruckt von deren Erzählungen über an-gebliche Wunder, die ihre Religionsstifter oder andere Perso-nen begangen haben sollen, wollen auch viele Muslime von Wundern in ihrer Religion erfahren. Das hatte zur Folge, dass viele Wunderberichte in Umlauf kamen, vieles zu Wundern er-klärt wurde, was auch anders verstanden werden kann, wenn man es nur ausreichend kritisch untersucht.

 

Der Qur’ân fordert uns immer wieder auf nachzudenken, aber es gibt keine Stelle, an der er uns auffordert an Wunder zu glauben und das Nachdenken aufzugeben.

 

Ist es daher nicht angemessener, auf diesen Begriff zu ver-zichten, und das, was wir nicht verstehen, intensiver zu unter-suchen, bis wir eine Antwort gefunden haben?